Amphi 2018 – der zweite Tag

Heiß, heißer, Amphi – was für den ersten Tag galt, traf auf den zweiten Tag des Amphi Festivals noch deutlicher zu. Samstags führte noch der ein oder andere Regenschauer zu kurzzeitiger Abkühlung, sonntags aber knallte die Sonne nur so auf den Tanzbrunnen herab. Das hinderte das feiernde Volk aber nicht daran, pünktlich zum Einlass um 10 Uhr an den Toren zu stehen und auf das Gelände zu stürmen.

Auch an diesem Tag wurde entschieden, zugunsten der Bands auf Main- und Theater-Stage auf einen Ausflug zur Orbit-Stage zu verzichten. Da blutete das Herz noch mehr als samstags, schließlich hieß diese Entscheidung, Bands wie Persephone und Witt zu verpassen. Aber das Programm auf dem Gelände machte diese Enttäuschung wieder wett.

Los ging es auf der Main-Stage mit ES23. Sie konnten sich auch schon über eine recht große Menge Publikum freuen, vor allem zeigte sich, dass die Tanzfraktion schon gut wach war und sich schon mal warm machte für den restlichen Tag. Die Jungs gaben ihnen genügend Anreiz zur Bewegung und legte eine solide Opener-Show hin. Ein leichter Stil-Wechsel sollte dann die letzten müden Seelen hervorholen: die Heldmaschine rollte heran. Die Koblenzer legten direkten laut und kraftvoll durch und wurde dafür vom Publikum gefeiert. Es ist schon ein wenig erstaunlich, wie die Jungs das Publikum im Griff haben. Ihre kleinen Spielereien wie LED-Westen, Laster-Nackengestellt und diverse Gimmicks hatten sie natürlich auch dabei; nur leider kamen diese im prallen Schein der Mittagssonne nicht wirklich zur Geltung. Das tat der Stimmung aber keinen Abbruch, im Gegenteil, bei „Auf allen Vieren“ musste Rene eigentlich gar nicht mehr selbst singen, das tat das Publikum für ihn. Und es trug ihn sogar auf Händen, wortwörtlich, denn bei „Weiter“ gab es natürlich das obligatorische Crowdsurfing von Rene. Was die Shows der Heldmaschine aber so besonders macht, ist die Sympathie der Jungs und ihr Humor. Schlichtweg unvergleichlich und immer wieder toll zu erleben. Immer noch laut, aber wieder wesentlich tanzbarer ging mit Neuroticfish weiter. Mittlerweile war der Platz vor der Bühne schon gut voll, es blieb eigentlich nur noch Platz am Rand für die Tänzer, die bei Neuroticfish wieder gut zu tun hatten. Btw: Henning konnte leider nicht dabei sein, vertreten wurde er von Christoph Assmann, der seinen Job mehr als gut machte. Und um es mit den Worten von Sascha zu sagen: „er ist jünger und sieht besser aus“. Es schien der Tag der Stil-Wechsel zu sein und das Amphi hatte auch dafür gesorgt, dass jeden Tag ein „Exot“ auf der Bühne zu sehen war. In diesem Fall nahm QNTAL diese Rolle ein. Eher bekannt für „Texte die keiner versteht“, wie Syrah meinte, spielen sich QNTAL schon seit 1992 in die Herzen der Fans. Ihr Set beinhaltete sowohl neue als auch alte Songs, sorgte zum einen für ruhige Momente, um dann aber richtig aufzufahren. Ein wunderbares Erlebnis, gekrönt von Syrahs unvergleichlichen Stimme und Herzlichkeit. Und ihr trockener Humor ist eh unschlagbar („Wie sind ja eher dem Mittelalter verbunden, so sehen wir ja auch aus“). Auf der großen Main-Stage fehlte es aber leider etwas an Atmosphäre, die käme auf etwas kleinerer Bühne mit entsprechendem Licht-Arrangement mit Sicherheit viel besser rüber. Back to Electronics hieß es dann bei den folgenden Solar Fake. Zu der Show von Sven Friedrich und Andre Feller muss man nicht viel sagen: sie wissen einfach zu begeistern und ihre Fans anzuheizen. Andre legte sich an seinen Keyboards ordentlich ins Zeug und Sven glänzte wie immer mit Charme und Stimme. Sie sind schlicht und einfach ein Garant für gute Stimmung. Genauso wie die nächste Band, wobei der Unterschied zu Solar Fake kaum größer sein könnte: Agonoize kamen. Im Vorfeld sorgte die „Kein Blut“-Vorgabe für ordentlich Diskussionsstoff und Agonoize heizten diese noch dadurch an, indem Bilder von Showelementen gepostet wurden, die es dann auch dem Amphi eben nicht geben würde. Chris L. wirkte dann auf der Bühne etwas unzufrieden, warf zwei Mikroständer durch die Gegend und gewann nicht gerade Sympathie-Punkte. Aber genauso wollen ihn seine Fans wollen haben. Die Show begann für Agonoize-Verhältnisse recht harmlos: nur mit kleiner Flex auf am Oberschenkel befestigter Stahlplatte. Man musste halt nur ein bisschen aufpassen, dass man die höchstwahrscheinlich arg heißen Funken nicht abbekam. Und wer glaubt, dass Agonoize ohne Blut auskämen: weit gefehlt. Plötzlich stand Chris da mit dem altbekannten Messen, zog es sich aber nicht durch die Kehle, sondern knallte sich den Griff an die Schläfe und da schoss auch schon das Blut hervor. Nicht so weit wie die Fontäne, aber diverse Fotografen und die erste Reihe bekamen es dann doch ab. Und auch die Blutfee durfte natürlich nicht fehlen. Weniger blutig, also gar nicht, aber genauso intensiv und laut war anschließend der Auftritt von Oomph. Es fiel ihnen überhaupt nicht schwer, die vorgelegte Stimmung hoch zu halten; die Teilnahme des Publikums war enorm und nicht selten hallte ein Stimmenchor über den Platz. Doch irgendwie warteten alle nur auf den Headliner. Und der legte sich so richtig ins Zeug. Steve Naghavi von And One tanzte über die Bühne, kokettierte mit dem Publikum, schien irgendwie in seiner eigener Welt und interagierte doch ausgelassen mit seinen Fans. Der Platz vor der Bühne war brechend voll und die Stimmung auf dem absoluten Höhepunkt. Showmäßig muss man nicht viel sagen: And One haben ihren Platz an der Spitze des Line-Ups natürlich verdient, sie wissen einfach wie es geht und wie sie das Publikum um den Finger wickeln können.

Im Theater war es derweil den Tag über etwas kühler als draußen. Vor allem während der Band-Wechsel, wenn gerade nicht viele Leute in der Halle waren. Vom Programm her blieb das Amphi seiner Linie treu: im Theater wird getanzt. Nur eine kleine Ausnahme in Form von Horrorbilly sollte im Laufe des Tages auf der Bühne stehen. Den Anfang machte Synthattack. Nicht nur das Make-Up von Sänger Martin gefiel, auch die kurz auftauchenden Tänzerinnen konnten sich sehen lassen. Und Nicole an den Keyboards ist eh eine Augenweide. Musikalisch passten sie wunderbar ins Theater: Elektronischer, tanzbarer Sound, dazu eine hervorragende Stimme und ein animierender Sänger. Was will man mehr. Nahtlos knüpfte daran Priest an. Das lange Intro aus Glockengeläut weckte Erwartungen, die die Stockholmer auch vollends erfüllen könnten. Atmosphärisch, kraftvoll und vor allem natürlich mit tanzbarem Sound brachte Priest die Halle ein wenig zum Beben. Eine Band, die man auf jeden Fall im Auge behalten sollte. Zum ersten Einlass-Stopp des Tages kam es dann bei Grendel. Die Londoner zogen etliche Fans zu sich, was eine volles Theater bedeutete. Und volles Theater hieß: Hitze. Wie auch JD Tucker feststellte: „It’s fucking warm. Definitely no jacket weather!“. Womit er vollkommen recht hatte. Die Hitze hielt ihn aber nicht davon ab, über die Bühne zu jagen und hielt die Fans nicht ab, zu den Industrial-Sounds zu tanzen. Dann stand einmal Kontrastprogramm auf der Bühne, der „Exot“ kam nun in Form von Mad Sin. Die Horrorbillies aus Berlin verbreiteten beste Stimmung vom ersten Moment an. Koefte deVille überzeugte mit mehr als kraftvoller und ausdrucksstarker Stimme und brachte eine Energie auf die Bühne, die seinesgleichen suchte. Und immer war die Band an das Publikum gerichtet. Wäre keine Absperrung zwischen Bühne und Publikum gewesen, Mad Sin hätten sicher nicht mehr auf der Bühne gestanden, sondern wären mittendrin gewesen. Es machte einfach einen riesen Spass, diesem Konzert beizuwohnen. Die folgenden Girls under Glass und In the Nusery  brachten dann wieder den elektronischen Sound ins Theater , der von den Fans tanzend aufgenommen wurde. Doch insgeheim warteten auch hier alle nur auf den Headliner. Einen krasseren Kontrast zum Programm draußen hätte es dabei nicht geben können: Während And One eine riesen spaßige Party veranstalteten, wurde es im Theater, dunkel, poetisch und kunstvoll: Goethes Erben gaben sich die Ehre. Mit Leidenschaft und Herzblut brachte Oswald Henke sein Musiktheater an das Publikum heran. Die künstlerische Darbietung von Oswald Henke war in seiner Ausdrucksfähigkeit völlig der Musik angepasst: mal verzweifelt, mal explosiv, mal ruhig und dann wieder aus sich herausbrechend. Das Publikum gab sich der Musik vollkommen hin, nahm die Energie und Kraft auf, die Goethes Erben verbreiteten.

Sowohl draußen als auch drinnen standen somit würdige Headliner auf der Bühne, die das Festival grandios zu Ende gehen ließen. Mit einem lachenden und einem weinendem Auge verließ man das Gelände: weinend, weil es nun wieder vorbei war. Lachend, weil es im nächsten Jahr weiter geht. Das Datum steht bereits fest: 20.-21.07.2019. Und auch die erste Bestätigung ist schon raus: Nitzer Ebb werden definitiv dabei sein. Also dann: wir sehen uns im nächsten Jahr.

Galerie Main-Stage

Galerie Theater-Stage