Lacrimosa „Testimonium“ – VÖ 25.08.2017

Wer hat sich im letzten Jahr nicht gedacht: „Warum muss wieder ein Mensch von uns gehen, der unsere Jugend geprägt hat?“ Sei es Prince, Götz George oder Carrie Fisher: niemanden ließen diese Verluste unberührt. Auch Lacrimosa-Mastermind Tilo Wolff hatte damit zu kämpfen. Und widmet diesen Helden unserer Jugend sein 13. Album „Testimonium“. Das Requiem in vier Akten umfasst 10 meisterhafte, melodische Lieder, die einen berühren und in diversen Momenten das ein oder andere Tränchen hervorrufen.

Orchestral getragen zeichnet Lacrimosa eine harmonische Musiklandschaft, die von Melancholie und dunklen Farben durchzogen ist. Drums, Gitarren und Keyboards gliedern sich mit ein und übernehmen vor allem in den schnelleren Parts und letzteren Songs die Führung. Das Zusammenspiel zwischen Musik und Text ist herausragend in jedem einzelnen Song und dazu kommt die unverwechselbare Stimme des Tilo Wolff, die mal düster, mal flehend, mal treibend und aufschreiend die packenden Textzeilen unterlegt.

Jedes einzelne Lied zieht den Hörer in seinen Bann. „Testimonium“ ist ein Album, dem kaum eine Beschreibung gerecht werden kann. Man muss es selbst erleben, mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen in Verbindung bringen und sich den Liedern einfach hingeben.

Das Album beginnt mit einem Bühnenabgang, Applaus und leiser Musik. Dunkel, melancholisch setzt der Gesang ein und erzählt vom Verlust unserer Helden, der damit verbundenen Leere und der Erkenntnis, dass man diese Menschen nie wiedersehen wird. Doch handelt es sich bei „Wenn unsere Helden sterben“ nicht um ein schlichtes Trauerlied. Es ist auch eine Hymne auf die, die von uns gingen und ein Dank für ihre Leistungen, die wie sie selbst niemals vergessen sein werden: „Wenn unsere Helden sterben, halten wir sie in uns am Leben.“

Wie wunderbar Musik und Text miteinander verwoben sind, zeigt unter anderem „Nach dem Sturm“: melancholische Passagen über die Suche nach Halt und Geborgenheit werden abgelöst durch hellere, nahezu lockende Passagen, die einem das Gefühl einer warmen Umarmung vermitteln. Und es endet in dem Aufschrei „Halte fest“. Der vierte Song „Weltenbrand“ dagegen klingt berohlicher und unheilschwingender, wird lauter und treibender als jeder andere Song des Albums. Es ist eine Abrechnung mit der Welt, mit den Menschen und ihrer Zerstörungswut auf allen Ebenen des Lebens.

Wer die ersten Songs trockenen Auges überstanden hat, sieht sich nun mit „Lass die Nacht nicht über mich fallen“ konfrontiert. Sanft wiegt man in der melanchlischen Streicher-Musik mit und weiß genau, dass es nun ultimativ traurig wird. Tilo Wolff erzählt resümierend von dem Lebenslauf einer Liebe und der Angst davor, sie zu verlieren und allein zurückzubleiben. Seine sanfte Stimme und die doch recht schlichte Musik unterstreichen diese Thematik und lassen den Zuhörer erzittern. Denn wer kennt nicht dieses Gefühl der Angst, einen geliebten Menschen gehen lassen zu müssen, allein und einsam zurückzubleiben? Und spätestens, wenn sich der Refrain von flehend zu verzweifelnd ändert, zerreißt es einem das Herz.

Mit „Black Wedding Day“ und „My Pain“ befinden sich auch zwei englisch-sprachige Songs auf dem Album. Letzteres hebt sich durch den weiblichen Gesang vom Rest des Albums ab, steht ihm in Tiefe und Genialität aber in nichts nach. Die hohe, helle Stimme verleiht dem Refrain sogar etwas schneidendes, was ihm nur noch mehr Ausdruck verleiht.

Das Album schließt mit dem 10-minütigen Titelsong „Testimonium“. Ging es im ersten Lied noch um den Tod anderer, so steht das Ende des Albums im Zeichen der eigenen Sterblichkeit. Gerade zu Beginn des Songs wird diese Thematik durch eine fast schon monoton wirkende musikalische Gestaltung untermalt, die den ersten Minuten etwas zähes und schweres verleiht. Zur Mitte wird dieses Zähe aufgelöst, das drückende Gefühl bleibt dem Song aber erhalten. Und lässt den Hörer auch damit zurück.

Das Album „Testimonium“ ist opulent und groß in seiner Gestaltung und doch so persönlich und verletzlich in seinen Texten, dass es nicht abgehoben wirkt. Gerade der, der selbst Verluste erlitten hat, wird sich in den Texten wiederfinden und kann sich in der Musik fallen lassen. Das Album ist aber nicht kitschig oder gar klischeeig. Jedes Lied zeigt sich in einem anderen Kleid. Ruhige Abschnitte sind verbunden mit schnelleren, lauteren. Und hier und da klingt eine Passage sogar etwas poppig und tanzbar. Es ist ein rundum gelungenes Album, bei dem man schon ganz genau suchen muss, um überhaupt Kritik (auf allerhöchstem Niveau) üben zu können.

 

Track-List

  1. Wenn unsere Helden sterben
  2. Nach dem Sturm
  3. Zwischen allen Stühlen
  4. Weltenbrand
  5. Lass die Nacht nicht über mich fallen
  6. Herz und Verstand
  7. Black Wedding Day
  8. My Pain
  9. Der leise Tod
  10. Testimonium

 

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Photographies by Kreativpixel – Pascal Jesser